Hilfestellungen zum Gestalten von sicheren Kindertagesstätten, Prävention in Nrw, Heft 6
2.2.2 Schallschutz
Hohe Schallpegel bewirken eine Einschränkung des pädagogischen Angebots,
da diese manche Beschäftigungsformen unmöglich machen. Ebenso
wirkt Lärm auf das Verhalten und das Lernen der Kinder ein. Er verringert
nicht nur die Konzentrationsfähigkeit, sondern erhöht auch die Bereitschaft
zu Aggressionen. Es ist häufig festzustellen, dass bei der Planung von
Kindertagesstätten für Kinder die Raumakustik nicht den erforderlichen
Stellenwert erhält. Die negativen Auswirkungen des Lärms auf die Kinder
und das pädagogische Personal werden dabei vielfach unterschätzt.
Kindertagesstätten sind Elementareinrichtungen innerhalb unseres Bildungssystems
mit einem Bildungsauftrag. Um diesem Bildungsauftrag
gerecht zu werden, müssen u.a. lernfördernde Gegebenheiten auch in baulicher
Hinsicht vorhanden sein. Untersuchungsergebnisse aus unterschiedlichen
Studien haben ergeben, dass Lärm gravierende Auswirkungen auf
die Lernleistungen der Kinder hat. Insbesondere bei Jüngeren ist weder das
Hörvermögen noch der Spracherwerb abgeschlossen, dass heißt:
Grundlegende Faktoren für den Spracherwerb und der Gedächtnisleistung
werden nachhaltig durch eine schlechte Raumakustik erschwert.
Eine Verringerung des Beurteilungspegels und der Nachhallzeiten durch
raumakustische Maßnahmen ist daher eine vorrangige bauliche
Anforderung.
- Beurteilungspegel
Der Beurteilungspegel ist die Kenngröße des auf den Menschen einwirkenden
Schalls, bezogen auf einen achtstündigen Arbeitstag bzw. auf
eine vierzigstündige Arbeitswoche. Die Grenzwerte des Beurteilungspegels
sind sowohl in der UVV „Lärm“ (GUV-V B3 bisher GUV 9.20) sowie
in der Arbeitsstättenverordnung festgelegt. Geistige Tätigkeiten im
engeren Sinne erfordern eine hohe Konzentration sowie den Zwang zur
ständigen Kontrolle des eigenen Handelns. Unter einfache Tätigkeiten
fallen solche, die eine Anspannung der Aufmerksamkeit erfordern, um
Informationen richtig aufnehmen, verarbeiten oder umsetzen zu können.
Zu den sonstigen Tätigkeiten zählen handwerkliche Arbeiten, die nur mit
kurzzeitiger oder geringer Anspannung der Aufmerksamkeit verbunden
sind.
| Art der Tätigkeit |
Grenzwerte |
| bei überwiegend geistiger Tätigkeit |
Leq = 55 dB (A) |
| bei einfachen oder überwiegend mechanisierten Bürotätigkeiten und vergleichbaren Tätigkeiten |
Leq = 70 dB (A) |
| bei allen sonstigen Tätigkeiten |
Leq = 85 dB (A) |
Eine mechanische Schädigung des Gehörs tritt bei einer
dauerhaften Überschreitung eines Schallpegels von 85 dB (A) auf. Bleibende Hörminderungen
als Vorstufe von Gehörschäden können auch schon auftreten,
wenn der Beurteilungspegel von 85 dB (A) geringfügig unterschritten
wird, sodass auf eine Reduzierung bis auf Werte von 70 dB (A) hingearbeitet
werden sollte.
- Nachhallzeit
Durch die Nachhallzeit, d. h. die Dauer des Halls eines Einzelgeräusches,
wird die akustische Eigenschaft eines Raumes beschrieben. Die Nachhallzeit
ist diejenige Zeit in Sekunden, in der der Schalldruckpegel in
einem Raum um 60 dB abgefallen ist. Sie ist unabhängig von den
tatsächlich auftretenden Schallereignissen und eignet sich daher im
Gegensatz zum Beurteilungspegel gut zur Bewertung von baulichen
Anforderungen. Bei der Neuplanung einer Kindertagesstätte sollten in
allen Räumen Nachhallzeiten von maximal 0,5 s angestrebt werden.
Bereits bestehende Einrichtungen sollten diesbezüglich überprüft und
nachgebessert werden.
| Raumvolumen (qm) |
Nachhallzeit (s) |
| kleiner als 200 |
weniger als 0,5 bis 0,8 |
| zwischen 200 und 1000 |
zwischen 0,8 bis 1,3 |
Raumakustische Maßnahmen
Bei der Verbesserung der Raumakustik sind zunächst zwei Wirkungsweisen
zu unterscheiden:
- Die Trittschalldämmung, d. h. die Verringerung von Schall, der
beim Begehen und bei ähnlichen Anregungen eines Bodens als Körperschall
entsteht und welcher teilweise als Luftschall abgestrahlt wird.
- Die Luftschalldämmung, d.h. die Verminderung der durch Reflexion an
Wänden und Decken auftreffender Schallwellen.5) Die Trittschalldämmung
wird durch den Bodenbelag und den Fußbodenaufbau wesentlich
bestimmt. Die Bewertung von akustischen Eigenschaften verschiedener
Bodenbeläge lässt sich durch einen Vergleich der Trittschall-Verbesserungsmaße
(VM) der Materialien erreichen. Das Trittschall-Verbesserungsmaß
kennzeichnet die Differenz zwischen dem untersuchten
Bodenbelag und einem völlig schallharten Boden. Nach bestehenden
Erfahrungswerten lassen sich die höchsten Dämmwerte durch Kunstfaser-
(z. B. Polyamid, Polypropylen) und Wollteppiche mit geschäumter
Rückseite erreichen. Die Verwendung dieser Bodenbeläge ist jedoch aus
hygienischen Gründen zumindest in den Aufenthaltsbereichen nicht zu
empfehlen. Die feuchtigkeitsbeständigen Bodenbeläge aus Linoleum und
PVC besitzen ein schlechteres Trittschallverhalten
und erfordern daher einen höheren Aufwand bei der Fußbodenunterkonstruktion. Zur Bodenkonstruktion
werden in der Regel Stahlbeton-Massivdecken oder Holz-Werkstoffe verwendet, die mit einem schwimmenden Estrich versehen
werden. Die akustischen Eigenschaften, gekennzeichnet durch das Trittschall-
Verbesserungsmaß (VM), üblicher Bodenkonstruktionen sind in DIN
4109 aufgeführt. Die besten akustischen Eigenschaften lassen sich mit
einem schwimmend verlegten Estrich auf einer möglichst weichen
Dämmschicht (dynamische Steifigkeit kleiner als 10 MN/m2) erreichen.
Neben dem Trittschall ist die Wirkung von Luftschall, die durch menschliche
Stimmen und das Hantieren mit Spielsachen oder Einrichtungsgegenständen
verursacht werden, wesentlich für den Lautstärkeeindruck
verantwortlich. Der auf den Menschen einwirkende Luftschall setzt sich
dabei aus einem direkten und einem indirekten Anteil zusammen.
| Bodenbelag-Art |
VM (dB) |
| Keramische Fliesen |
2 |
| Linoleum (2,5mm) |
7 |
| Linoleum auf 2mm Kork |
15 |
| Korklinoleum (3,5mm) |
15 |
| Korklinoleum (7mm) |
18 |
| Kokusfaserläufer |
17 |
| PVC Beläge mit genadeltem Jutefilz |
13 |
PVC-Beläge mit Unterschicht aus
PVC-Schaumstoff |
16 |
| Nadelvlies (5mm) |
20 |
Kunstfaser und Wollteppiche
Unterseite geschäumt (4-8mm)
Unterseite ungeschäumt (4-8mm) |
19-28
19-24 |
| Bodenaufbau |
VM (dB)
mit hartem Bodenbelag |
VM (dB) mit weich- federdem Bodenbelag
(VM<=20 dB) |
Gussasphaltestrich mit Dämmschicht
(dynamische Steifigkeit 50-10 MN/qm) |
20-29 |
20-32 |
| Estrich mit Dämmschicht |
22-30 |
23-34 |
| Holzspanplatten mit Lagerhölzern mit Dämmstreifen-Unterlagen |
22-30 |
23-34 |
| Holzspannplatten vollflächig schwimmend auf Dämmstoffen verlegt |
25 |
|
| Parkettbelag auf porösen Holzfaserplatten (10mm) |
16 |
|
Das Direktschallfeld wird von dem aus reflektierten Schallanteilen bestehenden
Raumschallfeld überlagert. Der indirekte (reflektierte) Anteil wird
stark von dem Absorptionsvermögen des Raumes bestimmt. Bei der Ausbreitung
von Schallwellen in geschlossenen Räumen werden diese von
Wänden, Decken, Böden und Einrichtungsgegenständen mehr oder minder
stark reflektiert. Je nach verwendeten Materialien wird ein größerer oder
kleinerer Teil des Schalls absorbiert bzw. reflektiert. Ein akustisch optimal
gestalteter Raum zeichnet sich daher durch ein hohes Absorptionsvermögen
aus.
| Schallabsorbermaterial |
Dicke (mm) |
Wand- abstand (cm) |
Schall- absorptionsgrad |
| Mineralfaserplatte / Abdeckung transparentes Faservlies (Dichte 30-50 kg/qm) |
20
30
30
40
50 |
0
0
5
0
0 |
0,75
0,80
1,00
0,95
1,00 |
| Mineralfasterplatte / Abdeckung transparentes Faservlies (Dichte 70-80 kg/qm) |
20
30
30
50
80
100 |
10
10
50
10
10
10 |
0,95
1,00
0,95
1,00
1,00
1,00 |
| Heizwolle Leichtbauplatte |
35 |
0-30 |
0,45-0,50 |
| Akustik-Spritzputz |
20 |
|
0,75 |
| Bimsbeton |
50 |
|
0,55 |
| Hohllochziegel (Löcher zum Raum hin offen, Hinterlegung Mineralfaserplatten) |
115 |
5 |
0,40 |
| Gipskartonlochplatte (9,5mm) mit Mineralfaserplatte (40mm) |
50 |
20-60 |
0,65 |
| Gipskartonlochplatte (9,5mm) mit Mineralfaserplatte (50mm) |
60 |
|
0,95 |
| Metallkochkasette mit Mineralfaserplatte (40mm) |
|
|
0,85-0,90 |
| Beton, Naturstein |
|
|
0,02-0,05 |
| Kalkzementputz, Tapete, Gipskarton |
|
|
0,02-0,08 |
Die Schallabsorption beruht vor allem auf der Umwandlung der Schallenergie
in Wärmeenergie, verursacht durch Reibung der sich in den Poren
bewegenden Luftteilchen. Für den Einsatz in Kindertagesstätten eignen
sich, bedingt durch den auftretenden Frequenzverlauf, am besten poröse
Schallabsorber.
Die Tabelle oben zeigt sehr gute Werte für Mineralfaserplatten, die
bereits bei einer Dicke von 30 mm einen Absorptionsgrad von 1,00
erreichen können. Sie besitzen jedoch ein geringes Absorptionsvermögen
bei niedrigen Frequenzen. Einen fast gleichmäßigen Absorptionsgrad über
die verschiedenen Frequenzbereiche zeigen Gipskartonlochplatten in
Kombination mit Mineralfaserplatten. Eine Abdeckung der Faserplatten
durch einen Rieselschutz sollte bei allen Materialkombinationen erfolgen.
Frequenzanalysen der ärmereignisse in Kindertagesstätten ergeben Spektren
mit zwei Spitzen, zum einen zwischen 50 und 150 Hz und zum anderen
zwischen 1.000 und 3.000 Hz. Die Ursachen für das Auftreten von
zwei Spitzen sind im Material des Inventars, in der Handhabung der Möbel
und des Spielzeugs sowie in den hohen Kinderstimmen begründet. Als
ergänzende Maßnahme können textile Vorhänge zur Erhöhung des Absorptionsgrades
eingesetzt werden. Da ihre Dicke gering ist, erstreckt sich
die Wirkung vor allem auf hohe Frequenzen.
Zusammenfassend kann man sagen: Um ein optimales Endergebnis zu
erzielen, empfiehlt es sich, dringend einen Akustiker bei der Planung einer
Kindertagesstätte für Kinder hinzu zu ziehen.
| Materialart |
Befestigungsart |
Wand- abstand (cm) |
Schall- absorptionsgrad |
| Baumwollstoff (Plüsch) (0,4 kg/qm) |
einfach, gespannt
Hängend, Zweifach gefaltet |
0
7
22
0-22 |
0,02-0,50
0,10-0,80
0,25-0,75
0,02-1,00 |
| Kunstseide |
einfach, gespannt
hängend, dreifach gefaltet |
7-22
0-22 |
0,02-015
0,03-0,25 |